Haus St. Antonius
Grein a.d. Donau / Österreich
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Mag. Elisabeth Svoboda                                                                            alle Artikel         Startseite

Die orthodoxe Zweitehe -
Lösung für geschiedene Wiederverheiratete ?

Immer wieder befaßt man sich in der Kirche mit der Thematik der Geschiedenen Wiederverheirateten, also präzise ausgedrückt bei bestehenbleibender kirchlicher Ehe zivil Geschiedene und zivil wieder Verheiratete. Es wird nach der Möglichkeit des Kommunionempfanges in solchen Fällen gefragt, nach der Möglichkeit der vollen Zugehörigkeit zur Gemeinschaft der Kirche. Dabei wird auch auf die orthodoxe Kirche verwiesen, in der eine zweite Eheschließung möglich ist. Man denkt: Es geht also doch auch anders. Die orthodoxe Kirche wird hier als die menschlichere, barmherzigere gesehen als die katholische.

Es ist in diesem Zusammenhang vielleicht interessant, diese orthodoxe Praxis genauer anzusehen.

Die Gestaltung der zweiten (und dritten) Eheschließung ist in der orthodoxen Kirche stark von einer ersten Eheschließung unterschieden. Die zweite Eheschließung ist kein frohes Fest, sondern hat Bußcharakter. Es wird damit zum Ausdruck gebracht, daß die zweite Eheschließung gewissermaßen doch nicht so ganz in Ordnung ist.

"Die zweite und dritte Ehe wird im Gegensatz zur ersten Ehe bei den Orthodoxen mit einem Sonderritus zelebriert. Ein Ritus, der als Bußritus bezeichnet wird. Da im Ritus der Zweitehe seit jeher die Krönung der Eheleute fehlt, den die orthodoxe Theologie als den essentiellen Moment der Trauung betrachtet, gilt die Zweitehe nicht als wirkliches Sakrament, die es den Neuvermählten erlaubt, ihre Verbindung als wirklich von der Kirche anerkannt zu betrachten.", sagt ein Ostkirchenexperte. 1)

Wirf man einen Blick auf die historische Entstehung der Möglichkeit der Zweitehe, so sieht man, daß nicht einfach theologische, pastorale Gründe, Barmherzigkeit dazu geführt haben, sondern daß sie wesentlich die Folge des Nachgebens unter dem Druck der weltlichen Macht ist.

Zu diesem Punkt schrieb seinerzeit Joseph Kardinal Ratzinger, damals noch Präfekt der Glaubenskongregation, späterer Papst Bendikt XVI., im Rahmen eines Textes, der die gesamte Thematik behandelt:

 "In der Reichskirche nach Konstantin suchte man mit der immer stärkeren Verflechtung von Staat und Kirche eine größere Flexibilität und Kompromißbereitschaft in schwierigen Ehesituationen. (...) In den von Rom getrennten Ostkirchen setzt sich diese Entwicklung im zweiten Jahrtausend weiter fort und führte zu einer immer liberaleren Praxis. Heute gibt es in manchen orthodoxen Kirchen eine Vielzahl von Scheidungsgründen, ja bereits eine Theologie der Scheidung, die mit den Worten Jesu über die Unauflöslichkeit der Ehe nicht zu vereinbaren ist. (...) Die Praxis der von Rom getrennten Ostkirchen, die Folge eines komplexen historischen Prozesses, einer immer liberaleren - und sich mehr und mehr vom Herrenwort entfernenden - Interpretation einiger dunkler Vätertexte sowie eines nicht geringen Einflusses ziviler Gesetze ist, kann von der katholischen Kirche aus lehrmäßigen Gründen nicht übernommen werden." 2)

Betrachtet man zudem die Entstehung und Veränderung einzelner Elemente des orthodoxen Trauungsritus im Laufe der Zeit, etwa das Ersetzen der Kommunion durch einen Weinbecher, so kann man davon ableiten, daß die orthodoxe Kirche selbst einen Zwiespalt empfindet und ein Problem hat, theologisch mit der Praxis der Zweitehe umzugehen.

Es stellt sich insgesamt die Frage, wie nachahmenswert es ist, sich ebenfalls auf diesen Weg zu begeben.

Vielleicht ist im Zusammenhang mit der gesamten Thematik schließlich auch die folgende Passage aus dem Apostolischen Schreiben "Familiaris consortio", Nr. 84, von Johannes Paul II. erwähnenswert:

"Die Wiederversöhnung im Sakrament der Buße, das den Weg zum Sakrament der Eucharistie öffnet, kann nur denen gewährt werden, welche die Verletzung des Zeichens des Bundes mit Christus und der Treue zu ihm bereut und die aufrichtige Bereitschaft zu einem Leben haben, das nicht mehr im Widerspruch zur Unauflöslichkeit der Ehe steht. Das heißt konkret, daß, wenn die beiden Partner aus ernsthaften Gründen - zum Beispiel wegen der Erziehung der Kinder - der Verpflichtung zur Trennung nicht nachkommen können, sie sich verpflichten, völlig enthaltsam zu leben, das heißt, sich der  Akte zu enthalten, welche Eheleuten vorbehalten sind."

Vielleicht auch eine Lösung.

1) Nicola Bux, Professor für ostkirchliche Liturgie in Bari, Italien, bis 2013 Konsultor der Gottesdienstkongregation und
    Glaubenskongregation.
    Quelle: www.katholisches.info

2) verfaßt 1998, veröffentlicht in der Ausgabe 29./30. November 2011 des Osservatore Romano

 

 

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